Das ganz normale Chaos, täglich frisch auf den Tisch. Direkt aus der hintersten Provinz in die Metropolen von Groß-Blogistan.


Kanzler-Stöckchen

Thu, 06 Nov 2008 20:41:03 +0100

Angeregt durch einen Artikel im Filterblog kam mir die Idee eines ganz speziellen "Stöckchens". Dieses darf aufnehmen, wer immer will. Und hier die große Preisfrage: Was würde ich als Bundeskanzler unternehmen resp. anders machen?

Es wird keine Auswertung irgendeiner Art geben. Mich würde einfach interessieren, was Andere so dazu zu sagen haben. Denn es ist leicht, gegen irgendwas zu sein, aber konkret für Etwas zu sein, das bedarf schon einigen Nachdenkens. Hier nun meine Gedanken:

Zunächst einmal die Wahl der Minister resp. die Anzahl der Ministerien. Ich halte die Anzahl der Ministerien für eine Verschwendung. Eine drastische Reduzierung wäre sinnvoll.

  1. Aussenminister

    Vor vielen Jahren sagte einmal ein Kabarettist:
    Deutschland, einstmals das Land der Dichter und Denker,

    danach das Land der Richter und Henker,

    ist heute nur noch das Land der Schlichter und Lenker.
    Ich würde gerne versuchen, aus Deutschland wieder das Land der Dichter und Denker zu machen. Dazu würde logischer- und konsequenterweise ein Künstler als Aussenminister passen. Jemand, der als "Dichter und Denker" in der Welt auftritt als Repräsentant Deutschlands. Udo Lindenberg kommt mir da in den Sinn. Er ist nicht nur Künstler, sondern hat durch sein Engagement in der Ostpolitik auch Denkfähigkeit bewiesen. Langer Ledermantel und Hut wären für mich kein Hindernis. Möglicherweise wäre er tatsächlich ein geeigneter Kandidat. Wenn nicht, dann auf jeden Fall einen Künstler und/oder einen Denker. Jemand, der das repräsentiert, was ich in Deutschland gerne sehen würde. Also auf keinen Fall so einen aalglatten Diplomaten, sondern Jemand, der fähig ist, selber zu denken, und dieses eigene Denken auch öffentlich zu tun. Dieter Hildebrandt wäre eine mögliche Alternative.
  2. Innenminister

    Hier würde ich auf Gysi zurückgreifen. Ja, ich weiss, SED-Nachfolgepartei und so. Aber diesem Mann würde ich zutrauen. gewisse Fehlentwicklungen wie Vorratsdatenspeicherung, Hartz4 und Ähnliches wieder zu korrigieren. Vielleicht irre ich mich, aber mir scheint dieser Mann geeignet zu sein.
  3. Militär

    Das Verteidigungsministerium würde ich streichen. Oder besser gesagt, umbenennen. Der klassische Verteidigungsfall ist heute nahezu obsolet. Im Zuge der weltweiten Terror-, Verbrechens- und Katastrophenbekämpfung hat das Militär ganz neue Aufgaben. Es gilt also, das Militär ganz neu zu definieren. Und auch, wenn er nicht gerade der große Denker ist, Struck ist der richtige Mann für's Militär.
  4. Wirtschaft und Soziales

    Diese beiden Bereiche gehören zusammen. Ein Ministerium, das dafür sorgen soll, dass es möglichst Allen möglichst gut geht, und nicht nur einer kleinen Minderheit. Für diesen Posten kommt kein Politiker in Frage. Erinnert sich noch Jemand an die angedachte "Bierdeckel Steuerreform" in Zusammenhang mit Prof. Paul Kirchhof? Da sind eine Menge guter Gedanken drin, die von den Politikern allesamt verdreht, verwässert und ausgehebelt wurden. Vielleicht wäre dieser Paul Kirchhof der geeignete Minister, um endlich dieses here Ziel anzupacken. Mit einer solchen Steuerreform würde es wirklich Allen besser gehen. Ich bin Softwareentwickler und habe Erfahrung in der Ausarbeitung von Konzepten. Wenn man anfängt, für eigentlich reguläre Gegebenheiten Ausnahḿen zu definieren, dann ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass am Konzept was nicht stimmt. Ein gutes und tragfähiges Konzept umfasst ganz automatisch Alles, was in diesem Land so mehr oder weniger gängig ist. Und ein gutes und tragfähiges Konzept zeichnet sich auch durch Einfachheit und Klarheit aus. Und ganz bestimmt nicht durch einen wilden Dschungen an Paragraphen.
  5. Der Rest

    Renate Künast hat sich als echtes Arbeitstier gezeigt. Ihr würde ich es zutrauen, die wirklich wichtigen Probleme dieser Zeit anzupacken und tatsächlich auch ein paar Ergebnisse zu erzielen. Klar, Wunder kann man nicht erwarten. Aber die drängenden Probleme unserer Zeit erfordern zähes und hartnäckiges Arbeiten und eine immense Frusttoleranz. Diese Frau scheint mir diese Eigenschaften zu haben.

Damit wären auch so in Etwa die Ziele und Methoden definiert, die mir wichtig wären. Was ich noch nicht so recht weiss, ist das große Problem der Bildung. Dafür ein eigenes Ministerium abzustellen scheint mir unangebracht zu sein. Aber wichtig ist das Thema auf jeden Fall. Denn Dichter und Denker kommen nicht von ungefähr, sie werden gemacht. Und auch, wenn Dichter und Denker unbequem sind für die Mächtigen, kann es sich doch kein Land leisten, auf diese zu verzichten. Es sind nicht die Banker, Spitzenmanager und Spitzenpolitiker, die ein Land voranbringen. Dies tun im Wesentlichen zwei Arten von Menschen: Dichter und Denker auf der einen Seite, und Handwerker auf der anderen Seite. Der Mittelstand und die Philosophen sind es, die ein Land voranbringen. Jeder auf seine Art. Das Eine oder das Andere zu behindern heisst, ein Land in den Ruin zu führen. Beides zu fördern könnte eine neue Blüte bedeuten. Eine Blüte, die wahrscheinlich erst ein paar Generationen später geerntet werden kann, deren Erfolg ich also wohl nicht mehr erleben würde. Aber schließlich geht es nicht darum, die Früchte meiner Bemühungen selber zu ernten, sondern der Menschheit als Ganzes eine Zukunft zu ermöglichen.

Mich hat mal vor Jahren ein Sprichwort sehr beeindruckt, das bei deutschen Aussiedlern in Russland gängig war:

Der Erste erntet den Tod, der Zweite die Not, der Dritte das Brot.

Wir sollten uns an die Arbeit machen, auch, wenn wir wissen sollten, dass wir den Tod ernten werden. Und unsere Kinder die Not. Aber unsere Enkel werden das Brot ernten. Nur so geht das.


0 Kommentare