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Kreativität

Fri, 28 Nov 2008 17:49:40 +0100

Für die folgenden Gedanken werde ich mir etwas Zeit lassen beim Schreiben. Insbesondere, da ich bereits die erste Auflage meines Feierabendbieres intus habt. Und die zweite (und für heute letzte) Auflage folgt in Kürze. Ist übrigens ein interessantes Bier aus einer kleinen lokalen Brauerei: Das sogenannte Drachenblut. Ein Bier wie geschaffen für die kalte Jahreszeit. Echt lecker.

Also, bevor ich total ins Schwärmen komme, zurück zum Thema: Kreativität. Angeregt durch einen Artikel von Elita Wiegand habe ich wieder einmal über Kreativität nachgedacht. Kreativität - das, was angeblich in der Wirtschaft so dringend gebraucht wird (und in der Politik erst recht), das aber in Wahrheit auch sehr gefürchtet wird.

Das menschliche Gehirn arbeitet im Wensentlichen assoziativ. Assoziationen, das sind Verbindungen zwischen bekannten Fakten. Kreativität entsteht einfach dadurch, dass man unbekannte Verbindungen zwischen bekannten Tatsachen einfach mal ausprobiert. Interessant ist dabei, dass Magie ebenfalls auf Assoziationen beruht. Was auch immer man sich anschaut an magischen Ritualen, an Zaubersprüchen, selbst bei Homöopathie: Alles ist auf Assoziationen aufgebaut. Nicht von ungefähr ist Magie so faszinierend, entspricht die Magie doch der ureigensten Funktionsweise des menschlichen Gehirns.

Kreativität entsteht nun immer dann, wenn die bekannten und erprobten Pfade der Verbindungen verlassen werden, und neue Pfade angelegt und ausprobiert werden. In dem Beispiel von Elita Wiegand geht es um einen Jungen, der folgende neue Verbindungen herstellt: See - Hai - springen. Das sind ungewöhnliche und damit kreative Verbindungen. Konservative Erwachsene tun so Etwas als "Spinnerei" ab: In Seen (Süßwasser) gibt es keine Haie, und Haie sind Fische und springen nicht, sondern sie schwimmen. Das ist so einfach wie bekannt und falsch.

Es gibt durchaus Süßwasserhaie. In Nicaragua gibt es welche, und in einigen australischen Flüssen scheint es ebenfalls welche zu geben. Und etliche ausgestorbene Süßwasserhaie sind bekannt. Darunter auch ein ziemliches Monster. Das altbekannte und vertraute "Wissen", dass es im Süßwasser keine Haie gibt, ist also falsch. Und Fische springen nicht? Ist auch falsch. Forellen springen auf der Jagd nach Insekten. Lachse springen auf dem Weg zum Laichplatz. Und Schlammspringer springen ausserhalb des Wassers im Schlamm umher auf der Suche nach Futter. Auch hier ist das bekannte und vertraute "Wissen" um immer nur schwimmende Fische einfach nur falsch.

Und selbst, wenn solch eine freie Assoziation zunächst keinen Bezug zur Realität hat: Weder ist so Etwas Blödsinn, noch ist es deswegen falsch. Die menschliche Geschichte ist voll von falschem Wissen. Heute lachen die Kinder über die Autoritäten zur Zeit Galileis, die die Welt für eine Scheibe hielten. In 100 Jahren werden die Kinder über "bewiesenes und absolut sicheres Wissen" von heute lachen. Und die Kinder in 200 Jahren werden über das mangelhafte und falsche Wissen der Menschen in 100 Jahren lachen. Was also ficht Erwachsene an, über solche "Spinnereien" zu lachen oder solche Personen nicht für voll zu nehmen? Ist es nicht eher ein Zeichen von Kurzsichtigkeit, Arroganz, Ignoranz und Dummheit, vermeintlich sicheres Wissen als der Weisheit und Erkenntnis letzter Schluss zu betrachten?

Kreativität entsteht nicht durch den Befehl des Vorgesetzten ("sei jetzt mal gefälligst kreativ"), und auch nur in Grenzen durch die Verwendung von Kreativitätswerkzeugen wie Mind-Maps. Kreativität hat viel mit Spieltrieb zu tun. Spielen ist eine der kreativsten Lebensmöglichkeiten überhaupt. Menschen, die das Spielen verlernt haben, können sicher ihrer Kreativität mit einem Mind-Map etwas auf die Beine helfen. Aber kreativen Menschen ein Mind-Map zu verordnen wäre so, als würde man einem Maratonläufer die Verwendung von Krücken verordnen, nur, weil der fußlame Funktionär nur damit laufen kann.

Ein weiterer, besonders in Webdesigner-Kreisen verbreitetert Irrtum ist, Kreativität wäre identisch mit Kunst. Den Gedanken und Gefühlen freien Lauf lassen, einen Eimer Farbe auskippen, und das Resultat dann als kreativ und damit als Kunst zu bezeichnen ist einfach nur Quatsch. Kunst ist die solide und stabile Ehe aus absoluter Beherrschung eines Handwerks und Kreativität. Nur wenige der möchtegern-Künstler sind kreativ. Und noch viel weniger sind gute Handwerker. Erst beides zusammen ist Voraussetzung für Kunst.

Kreativität ist weder die intensive (oder extensive) Verwendung von Farben, noch von Formen, noch von Worten. Kreativität ist die ungewöhnliche und ungewohnte, oft überraschende, neuartige Verbindung von mehr oder weniger Bekanntem. Heinz Erhard war ein kreativer Künstler mit Worten. Die Verwendung von Worten in korrekten aber ungewohnten Zusammenhängen machte seine Witz und seine Kunst aus. So gesehen ist ein Kreativer immer auch ein Querdenker.

Von einem Irrglauben sollte man sich allerdings in diesem Zusammenhang befreien. Kreativität ist nicht das, was wirklich in der Wirtschaft oder Politik gefordert oder auch nur erwartet wird. Kreativität stört. Kreativität bringt Unruhe in bekannte und vertraute Abläufe. Kreativität muss nicht immer verbessern. Kreativität ist wie sintern: Lokale Minima werden durch Aufheizen wieder verlassen, um vielleicht ein besseres Minimum zu finden. Kreative Menschen sind nicht die, die Erfolg haben. Kreativität hat Etwas mit nicht-anpassen zu tun. Nicht angepasste Menschen haben Probleme in und mit ihrer Umwelt. Anpassung erleichtert das individuelle Überleben. Kreativität erschwert das individuelle Überleben, ist aber Grundlage für das Überleben der Gemeinschaft. Wer kreativ ist, dient damit nicht sich selbst, sondern Anderen. Wer kreativ ist, hat es schwerer im Leben. Die Anderen dafür leichter.

So, das ging jetzt doch schneller, als zunächst gedacht. Manchmal kommen die Gedanken so schnell, dass man mit dem Schreiben gar nicht hinterher kommt :)


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