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Online-Journalismus

Mon, 20 Oct 2008 11:25:54 +0200

Und wieder einmal ein überaus beliebtes Thema: Journalisten gegen/für/neben/? Blogger. Bei Stefan Niggermeier geht es um Journalismus und die Tatsache, dass der anscheinend ungeliebte Onlinejournalismus qualitativ miserabel ist. So miserabel, dass er den Begriff Journalismus eigentlich nicht verdient.

Nun ja, dazu fällt mir eben beinahe zwangsläufig die Diskussion ein darüber, ob Bloggen nun Journalismus ist, oder nicht. Kann man vermutlich nicht generell beantworten, aber mein Geschreibsel hier ist definitiv kein Journalismus. mal sehen, was die Thesen, die Stefan Niggermeier hier aufgestellt hat, zum Thema Bloggen hergeben.

  • Die Verlage und Sender probieren im Internet gerade aus, ob es nicht auch mit weniger Journalismus geht.

    Klar geht das. Gehen tut viel. Die Frage ist eher, was bei rauskommt. Und Blogs? Nun, ein Blog hat i.d.R. Wenig mit einem Verlag zu tun. Blogs werden meist von Einzelnen privat betrieben. Beim Bloggen geht die Entwicklung nicht hin zu weniger Journalismus, sondern eher zu mehr. Blogs haben ganz ohne irgendeinen journalistischen Anspruch angefangen. Seit dem Boom der Microblogging Dienste geht die Entwicklung auch bei Blogs eher in Richtung mehr Journalismus. Oder einfach mehr Schreib- und Textqualität. So weit Journalismus mit Recherche und der Prüfung von Meldungen zu tun hat, da werden Blogs nie an das herankommen, was Verlage leisten (können). Jedenfalls nicht, so lange Blogs ohne den ganzen Verlagshintergrund erstellt und betrieben werden. Was die sprachliche Qualität angeht, da werden Blogs zulegen, und in Einzelfällen kann ein talentierter Blogger auch durchaus mit einem studierten Journalisten gleichziehen.

  • Online-Journalisten müssen nicht schreiben können.

    und:

    Redigieren und Korrigieren ist optional.

    Nun ja, Blogger müssen nicht unbedingt schreiben können. Sollten sie aber. Jedenfalls dann, wenn sie hoffen, damit eine größere Leserschar zu erreichen. Und Redigieren und Korrigieren? Redigieren ist einem Einzelkämpfer wohl kaum möglich. Korrigieren ist möglich, aber lange nicht so effektiv, wie wenn jemand Anders die Texte korrekturliest. Man ist nun mal i.d.R. für seine eigenen Fehler blind. Insofern werden Tippfehler in Blogs eher toleriert als in Printmedien. Tippfehler im Onlinejournalismus werden daher wohl ebenfalls eher toleriert. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Ab einer gewissen Toleranzgrenze hängt dem Leser die "Kanaksprak" zum Hals raus, und er surft weiter.

  • Jedes Medium wird im Internet zum Boulevard-Medium.

    Kann ich so für Blogs nicht bestätigen. Blogs sind vielfältig. Auch gerade deshalb, weil jedes Blog, da von einem Individuum erstellt und gepflegt, auch durch und durch individuell ist. Da gibt es sicher Boulevard-Blogs. Na und? Es gibt Millionen von Blogs. Da ist für jeden was dabei. Allerdings wünsche ich mir mehr Blogs der Art eines Stefan Niggermeier.

  • Relevanz ist kein Kriterium.

    Gegenfrage: Was ist Relevanz? Für mich ist das relevant, was für mich relevant ist. Das ist so trivial, wie es klingt. Sollte es für mich relevant sein, dass Paris Hilton heute blaue Socken trägt, na, dann schreibe ich eben darüber. Sollte für mich die Philosophie des Sokrates, wonach er weiss, dass er Nichts weiss, relevant sein, na, dann schreibe ich darüber. Relevanz ist für einen Blogger etwas sehr Persönliches. Und das ist auch gut so.

  • Berichtet wird, was mühelos zu recherchieren ist.

    Das kann man bei Bloggern, zumindest noch bis auf Weiteres, sogar noch drastischer formulieren: Recherchiert wird nicht. Gebloggt wird, was entweder gerade durch die Blogosphäre rauscht, oder welch absurder Gedanke dem Blogger auch grade quer liegt.

  • Redaktion und Werbung müssen nicht so genau getrennt werden.

    Dies ist ein Punkt, auf den auch Blogger sehr achten müssen. Teilweise noch mehr als Verlage. Aber das Thema Werbung in Blogs ist ja schon oft genug breit getreten worden.

  • Warum ein gutes Foto zeigen, wenn es auch 100 schlechte tun?

    Nun ja, zunächst mal ist der Speicherplatz für Blogger nicht unendlich. Auch zu Zeiten von Flickr und ähnlichen ist der Speicherplatz nicht unendlich. Und der Platz auf dem Bildschirm ebensowenig. Also tun Blogger gut daran, die Menge der Bilder zu begrenzen. Und die Qualität? Nun, es ist sehr unterschiedliche Qualität. Unter den Bloggern sind sicher auch professionelle Photographen. Und sicher auch talentierte Hobbyisten. Aber eben auch typische nebenbei-Knipser wie ich.

  • Klicks gehen immer vor Qualität.

    Das ist allerdings eine Tendenz, die ich leider auch bei Blogs ausmachen kann. Und da werde ich sicher Nichts gegen tun können, das ist wohl der Lauf der Dinge. Es scheint eben typisch menschlich zu sein.

Die Grenze zwischen Journalismus und Bloggen ist heute nicht mehr so eindeutig und deutlich zu sehen. Der Journalismus, gerade in seiner online-Form, nähert sich immer mehr einer Trivialität an, wie sie auch in Blogs einmal gängig war und zum Teil heute noch ist. Und Blogs nähern sich teilweise zumindest einer qualitativ hohen Schreibe an. Bloggende Journalisten tun ein Übriges, um die Grenzen verschwimmen zu lassen. Was Qualität angeht, hier sind auch und gerade die Leser gefragt. Denn wenn eine Mehrheit Triviales wünscht, nun, dann wird in der Mehrheit Triviales serviert. Und wenn die Minderheit, die Qualität wünscht, zu gering ist, dann wird dieser Sektor aussterben oder ein vergessenes Nischendasein führen. Hier wird wohl der marktwirtschaftliche Mechanismus von Angebot und Nachfrage das Ergebnis bestimmen.

Meiner ganz persönlichen Einschätzung nach hat die Tageszeitung ausgedient. Sie ist nicht so schnell und so aktuell wie Blogs, und nicht so tiefschürfend wie Magazine. Vielleicht bekommen wir statt der Tageszeitung bald eine Wochenzeitung. Die wird dann dicker als die Zeitung heute, wird Samstags (pünktlich zum Wochenende) ausgeliefert und hat die Zeit und die Mittel, die Woche etwas genauer auseinander zu nehmen. Und am Samstag beim ausgiebigen Frühstück eine Zeitung physisch parat zu haben, und Zeit zu haben und sich zeit zu nehmen, diese Zeitung durchzulesen, das hat was für sich. Nicht diese schnell-schnell Herumgesurfe in der typisch hektischen Arbeitswoche. Zeit haben. Sich Zeit nehmen. Und diese Zeit nutzen. Das geht mit Printmedien immer noch besser als im Internet.


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