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Schriftskalierung

Fri, 05 Dec 2008 10:14:11 +0100

Heute hat sich EfA mal wieder eines leidigen Problems angenommen: Die Schriftskalierung. Früher einmal gab es auf den Seiten bei EfA einen Button und ein Javascript, mit dem der Besucher die Schriftgröße an seine Bedürfnisse anpassen konnte. Beides ist inzwischen weg. In dem Artikel wird begründet, warum. Diese Argumente kann ich weitgehend nachvollziehen, stimme aber nicht vollständig damit überein.

Ich bin selber leicht sehbehindert und brauche Schriftgrößen von etwa 24px, um anständig lesen zu können. Allerdings kenne ich mich in der IT auch recht gut aus (als Programmierer wohl zwangsläufig). Von der großen Mehrheit der Surfer, egal, ob nun behindert oder nicht, kann man das nicht erwarten. Mir selbst ist ein Fall bekannt (nicht persönlich) von einem Mann, der eine Schriftgröße von 72px braucht, und dem nicht bekannt war, dass man im Browser die Standardschriftgröße entsprechend einstellen kann.

Zunächst wird bei EfA mit der Funktionalität der neuen Browsergeneration argumentiert, beliebige Webseiten auf Knopfdruck vergrößern zu können. Diese Funktion ist sicher ein Segen. Aber das ist noch lange keine Ausrede für schlechtes Webdesign. Wenn der Nutzer erst jedes Mal aktiv werden muss, bevor er eine Seite nutzen kann, ist das nicht nur für den Besucher lästig. Es ist auch vom Webdesigner und vom Seitenbetreiber unhöflich und arrogant, zeigt man dem Besucher doch damit, was dieser dem Betreiber der Seite wert ist: Nichts! Diese im Browser eingebaute Funktion ist also zwar ein Segen, um arrogante und ignorante Webdesigner auszutricksen, aber es wäre weit weit besser, wenn die Webseitenbetreiber ihre Kunden ernst nehmen würden. Dann wären solche Krücken nicht notwendig.

Darüberhinaus führt eine signifikante Vergrößerung der Webseite zwangsläufig zu horizontalen Scrollbalken. Dabei ist es schon seit dem letzten Jahrtausend selbst reinen Hobby-Webdesignern bekannt, dass so Etwas vermieden werden sollte. Diese Browserseitige Vergrößerung ist also, egal, wie man es sieht, eine Krücke. Eine leider notwendige und nützliche Krücke, aber eben immer noch eine Krücke. Dabei liegt die Notwendigkeit dieser Krücke aber nicht bei den Nutzern, sondern bei den Webdesignern.

Zu den anderen Argumenten. Bei blinden Nutzern ist die Schriftgröße in der Tat egal. Nur frage ich mich dann, warum schreibt der Webdesigner auch einem blinden Nutzer eine Schriftgröße vor? Gut, das mag eine eher philosophische Frage sein. Aber was ist mit sehbehinderten Nutzern? Meine eigene Erfahrung zeigt, dass auch stark sehbehinderte Nutzer ihren Browser nicht unbedingt kennen müssen. Hier wäre übrigens noch ein mögliches Tätigkeitsfeld für Hilfsorganisationen: Einrichtung des Browsers auf die Behinderung abgestimmt. Doch zurück zum Webdesigner: Woher nimmt so ein Webdesigner die Arroganz, besser wissen zu wollen, was ein Besucher nutzen kann, und was nicht? Oder ist es Ignoranz? Vermutlich Beides. Ignoranz geht i.d.R. Hand in Hand mit Arroganz. Angenommen, Hilfsorganisationen wären irgendwann in der Lage, den von ihnen betreuten Personen den Browser korrekt einzurichten. Dann können diese segensreichen Bemühungen durch solch ignorante Webdesigner mal eben wieder zuinchte gemacht werden.

Letztendlich hat Jeder die eine oder andere Art von, sagen wir mal, speziellen Anforderungen. Was bleibt, ist der Unterschied in der Medienkompetenz und der Mut zum Risiko. Manche haben Medienkompetenz, Andere erwerben sich diese durch Mut zum Risiko. Das sind Menschen, denen solch ein Schriftskalierungs-Button helfen könnte. Andere haben keine oder wenig Medienkompetenz und erwerben diese auch nicht, weil sie Angst haben, etwas "kaputt" zu machen. Das sind Menschen, denen durch eine Hilfsorganisation oder auch durch den Computerhändler des Vertrauens geholfen werden könnte. Wenn die Webdesigner nicht Alles kaputt machen würden. Wie kann ein solcher Button solchen Menschen helfen? Es ist sicher richtig, dass solche Menschen Angst haben werden, diesen zu benutzen. Aber sie werden darauf aufmerksam gemacht, dass es da was gibt! Das gesamte Thema Zugänglichkeit von Webseiten ist nur einer Handvoll von Fachleuten bekannt. Otto Normalsurfer weiss davon schlicht Nichts. Das muss sich ändern. Nicht, dass Otto Normalsurfer hier zum Fachmann werden muss, aber er sollte wissen, dass er nicht nur ein Recht auf zugängliche Seiten hat, sondern auch die Möglichkeit dazu. Genauso, wie heute Jeder weiss, dass ein Querschnittsgelämter einen Rollstuhl benutzen kann, genauso sollte jeder Surfer wissen, dass es Möglichkeiten gibt, den Browser so einzustellen, dass er persönlich ihn benutzen kann. Er muss ihn noch nicht mal selber einstellen können. Das können Andere für ihn tun. Aber er muss wissen, dass es diese Möglichkeiten gibt. Solch ein Button könnte dieses Wissen in die Köpfe der Surfer bringen.

Allerdings muss es nicht unbedingt ein Schriftvergrößerungsbutton sein. Es würde auch ein gut sichtbarer Link zu einer Seite sein, wo man dem Surfer seine Möglichkeiten erklärt. So in Etwa, wie das bei BBC gemacht wird. Allerdings reicht die reine Existenz dieser Seite nicht. Gerade der Surfer ohne Medienkompetenz muss gut findbar darauf hingewiesen werden. Ich wünsche mir schon lange eine Seite, in der gut verständlich erklärt wird, welche Möglichkeiten man mit welchem Browser hat. Ich würde gerne von meiner Startseite aus darauf verlinken. Aber Rorkvell ist eine unbekannte Randerscheinung. Eine entsprechende Seite bei EfA wäre da weitaus nützlicher.

Jetzt allerdings haben wir ein Henne-Ei Problem (was war zuerst da, die Henne oder das Ei): Wenn ein Besucher eine Seite nicht nutzen kann, kann er sie eben nicht nutzen. Da hilft es dann auch Nichts, wenn ihm auf der Seite erklärt wird, wie er die Seite nutzbar machen kann. Abgesehen davon, dass so eine Seite mit so geringen Barrieren wie irgend möglich erstellt werden muss, wäre auf dieser Seite solch ein Schriftskalierungsbutton wahrscheinlich hilfreich. Eine parallele Sprachausgabe wäre hier auch nicht schlecht. Eben Alles, was man sich vorstellen kann, um einem Nutzer mit speziellen Anforderungen, aber ohne Wissen, eine Seite zugänglich zu machen. Auf solch einer Seite kann der Benutzer sich dann das nötige Wissen aneignen. Solch eine Seite sollte also wie ein Tutorial aufgebaut sein, und Möglichkeiten bieten, das eben gelernte sofort auszuprobieren. Es wäre schön, wenn EfA solch eine Seite erstellen würde.

Aber hier sind auch ganz Andere gefragt. Die gesamte Thematik muss durch die Medien bekannt gemacht werden. Und das nicht nur in Zeitungsanzeigen und in den Fernsehnachrichten. Medienkultur wird zum Beispiel wesentlich durch Spielfilme geprägt. Ich habe mir kürzlich mal wieder eine schon etwas ältere DVD angesehen: "Die hard 4.0". Einer der beiden "Helden" ist ein Computerhacker. So ein Jugendlicher, der weitgehend dem Klischee entspricht. Wie wäre es mal mit einem Spielfilm, in dem eine ganz andere Art von Computerfachmann eine tragende Rolle spielt? Jemand, der vielleicht schon alt ist, der noch weiss, wer Konrad Zuse war, der mehrere Behinderungen hat wie z.B. stark verminderte Sehkraft und starke motorische Einschränkungen, der aber trotzdem Computer und Internet so virtuos zu nutzen weiss, wie das bei einem Filmhelden eben sein muss. Und das ganz einfach, indem er die üblichen assistiven Technologien nutzt. Solch ein Spielfilm würde viele Surfer darauf aufmerksam machen, dass die Probleme, die sie mit den meisten Webseiten haben, nicht von ihnen verschuldet sind, sondern von den Webdesignern.

Das würde auch dem Beruf des Webdesigners zu einer angemessenen Bedeutung verhelfen. Webdesign ist kein Hinterhof- Garagenhobby, sondern Ingenieurskunst.


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