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Überfremdung

Mon, 01 Dec 2008 11:23:25 +0100

Zu den folgenden Gedanken hat mich letztendlich der Kommentar von Vogel in Robert Basic's Blog gebracht: Die Angst vor der sogenannten Überfremdung. Er hat vollkommen Recht. Der Ruhrpott wurde wesentlich von Polen mit aufgebaut. Und Berlin wurde wesentlich von vertriebenen französischen Hugenotten mit aufgebaut. Die gesamte deutsche Kultur ist immer wieder von aussen beeinflusst worden. Oder sollte ich sagen: Ist immer wieder überfremdet worden"?

Auch die gegenwärtige Angst vor einer "Islamisierung" der deutschen Gesellschaft ist keine Angst vor einer fremden Religion, sondern Angst vor einer fremden Kultur. Die religiösen Aspekte interessieren hier Niemanden. Und was "christlich" ist, das bestimmt hier nicht die Bibel, sondern die Tradition. Im besten Fall ist das, was hier unter christlich verstanden wird, der , der im Kern das Gegenteil von christlich ist.

Ich habe zwei Jahre in Brasilien gelebt, und dabei an mir selbst etwas beobachtet, was ich zuvor schon in Deutschland bei dort lebenden Ausländern beobachtet habe: Ich wurde dort in Brasilien noch etwas "deutscher", als ich hier bin. Es ist eine Frage der eigenen Identität. Ein gesundes Maß an Abgrenzung, an "anders sein", ist durchaus in Ordnung und zum Teil auch notwendig. Letztlich ist das nichts Anderes als das, was jeder gute Demokrat für sich selber in Anspruch nimmt: Selber zu denken und eine eigene Meinung und eigene Ansichten zu haben. Im Bewusstsein der eigenen Relativität, und gewürzt mit Humor, ist das immer eine Bereicherung für die Umgebung. In Brasilien haben wir manchmal sehr über die Unterschiede gelacht. So waren wir beispielsweise einmal mit unserer Sprachlehrerin beim Karneval in Rio. In der Unterrichtsstunde danach fragte sie mich, wie ich den Karneval denn so gefunden hätte. Ich sagte "bon" ("gut")! Da schaute sie mich erstaunt an und meinte "also nicht so gut?". Wir kamen dann drauf, dass die Sprache einfach unterschiedlich eingesetzt wird. Dabei erzählte sie mir dann von einem Werbespot von VW, der zu der Zeit gerade dort im Fernsehen lief. VW hat ein Werk in Manaus. Dort wurde auch gedreht. In dem Werbespot war ein deutscher KFZ-Meister (so richtig im Blaumann) zu sehen, dem nacheinander die neuen Automobilversionen vorgeführt wurden. Er beurteilte die Qualität der Fahrzeuge, entweder wortlos mit einem kurzen Kopfnicken oder mit einem kurzen "gut!". Auf deutsch. Mit brasilianischen Untertiteln. Da stand aber nicht einfach "bon!", da standen jede Menge Superlative. Beim letzten Fahrzeug verstieg sich der deutsche Meister dann zu der Beurteilung "sehr gut!", worauf sich die brasilianischen Superlative schier überschlugen. Wir haben damals ziemlich gelacht über diese Unterschiede und die Missverständnisse, die sich daraus ergeben können, wenn man das nicht weiss. Und es ist wahrhaftig nicht so, dass die brasilianische Version schlechter wäre. Sie hat einen guten Grund. Man sagt dort auch dann "gut", wenn man es eigentlich scheisse findet. Einfach deswegen, weil man dort Niemandem weh tun möchte. Wenn man so will, eine Frage der Höflichkeit. Deutsch ist hier direkter, aber eben oft auch unhöflicher. Für mich persönlich ziehe ich die deutsche Version vor. Aber die brasilianische Version verstehe und respektiere ich!


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