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  1. Gutmenschen
  1. Gutmenschen

    Mon, 07 Jan 2008 13:42:24 GMT

    Bei xwolf gibt es einen interessanten Artikel unter dem Titel "Huch?! - Xing ist kommerziell und kein Gutmenschen-Angebot?". Dem Artikel kann ich soweit durchaus zustimmen. Die Naivität der aufgeklärten modernen Internet-gewohnten Menschen kennt wohl wirklich keine Grenzen.

    Aber mir ging beim Lesen dieses Artikels etwas Anderes durch den Kopf. Was bedeutet der Begriff "Gutmensch" und wie und warum wird er verwendet? Nicht nur bei xwolf, auch sonst ist dieser Begriff anscheinend ein Schimpfwort. Warum eigentlich? Ist es schlecht, wenn ein Mensch gut ist? In was für einer verdrehten Zeit leben wir eigentlich? Schön, da gibt es diese Parodie von Brecht unter dem Titel "Der gute Mensch von Szetschuan". Da geht es darum, wie im alten China eine perfekte Hitlerkopie in allerbestem eine Grausamkeit nach der Anderen begeht, und sich dabei als "guter Mensch" feiern lässt (im Kommunismus hätte das "Volksheld" geheißen, im Kapitalismus wäre das ein "Vorbild", eine "Leitfigur"). Insofern steckt dahinter wohl der Gedanke, dass es keine guten Menschen gibt (entspricht auch der Aussage der Bibel: "...und da ist Keiner, der gerecht wäre"), und hinter dem "gutsein" also wohl irgendwas besonders Schlimmes verborgen wird. Nur scheint sich der Begriff verselbstständigt zu haben. In xwolfs Artikel wird impliziert, dass die XING Betreiber "Gutmenschen" wären, wenn sie ihren Service umsonst anbieten würden. Tatsache ist, sie wären tatsächlich gute Menschen, wenn sie das täten. Nur, was bitte wäre daran schlecht? Nein, ich meine nicht, dass XING das tun sollte. Aber wenn, dann wären sie doch gute Menschen. Also warum ist der Begriff "Gutmensch" so ein Schimpfwort?

    Das erinnert mich an die Aussage eines der Abzocker unserer Gesellschaft, eines Managers mit Millionengehalt. Ich weiss nicht mehr, wer das war, und ich kriege es auch nicht mehr wörtlich hin, aber sinngemäß etwa: "Es ist doch nur natürlich und selbstverständlich, dass Jeder zuerst an sich selbst denkt". Ja klar, wer fürchtet, andernfalls als Gutmensch verspottet zu werden, muss natürlich zu dieser Erkenntnis gelangen. Und wieder frage ich mich, was schlecht daran sein soll, gut zu sein. Dabei ist inzwischen längst wissenschaftlich bewiesen, dass nicht nur der Gemeinschaft, sondern auch dem Einzelnen nur Vorteile bringt. Als Israel damals in die babylonische Gefangenschaft ging, erging die Anweisung: "Sucht der Stadt Bestes, damit es Euch gut geht". Also etwa: "Seid altruistisch, weil ihr davon Vorteile habt". Diese Maxime ist auch heute noch genauso anwendbar und durch reichlich wissenschaftliche Studien belegt. Und diese Maxime als dumm zu verspotten zeigt nur die Dummheit der Spötter.