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iPräsident

Wed, 08 Oct 2008 16:28:40 +0200

Das Internet als Ausdruck des Volkswillens? Robert Basic hat dazu einen langen Artikel (aka mentales Dickschiff) online gestellt, in dem er die interessante Forderung nach einem Internetpräsidenten stellt.

Was die politisch wirksame Bündelung der Kraft angeht, will ich ihm da nicht widersprechen. Tatsächlich hätte ein solcher Internetpräsident ein deutliches Gewicht in der politischen Landschaft. Doch genau hier liegt auch das Risiko. Betrachten wir es einmal anhand eines bekannten Beispiels: Unsere Volkszertreter. Diese waren einmal gedacht als Bündelung des Wählerwillens, um im Parlament eine gewichtige Rolle in der Umsetzung des Wählerwillens zu spielen. Und was ist passiert? Wir haben auf der einen Seite das Volk, und auf der anderen Seite Politiker, die sich so weit von der Realität und vom Volk entfernt haben, dass sie das Volk inzwischen als ihren persönlichen Feind ansehen und behandeln. Ich befürchte, dass genau dies auch passieren wird mit einem Internetpräsidenten. Wo Macht konzentriert wird, werden die Menschen korrupt, kriminell, manchmal grausam.

Das Gefängnisexperiment der Universität Stanford unter Philip Zimbardo hat es für Alle deutlich gezeigt, was üblicherweise mit Menschen geschieht, die grenzenlose, unkontrollierte Macht bekommen. Diese Menschen werden meistens zu Monstern. Es gibt ähnliche Experimente, die Ähnliches zeigen (Milgram Experiment). Und die Praxis beweist, dass genau das, was in diesen Experimenten gezeigt wurde, ganz alltäglich immer wieder geschieht. Auch die gelegentlich geradezu absurd unmenschlichen Verhaltensweisen mancher ARGE Mitarbeiter gehört in diese Kategorie. Und jetzt frage ich mich, ob eine Bündelung der Kräfte es wert wäre, in der Hand eines Monsters gebündelt zu werden. Also, so weit es mich betrifft, verzichte ich lieber auf politische Macht, als diese Macht, womöglich unontrolliert und unkontrollierbar, in die Hände eines einzelnen Menschen zu legen. Und selbst, wenn diese Macht irgendwie kontrolliert und abgesichert sein sollte, unsere Politiker zeigen, dass man sich dieser Kontrolle entziehen kann oder die Kontrollwerkzeuge aushebeln kann.

Es gibt zwei andere Arten von Konzentration im Internet resp. besonders in der Blogosphäre, die nicht gar so kritisch sind. Da gibt es zum Einen die A-Blogger. Sie erzeugen Öffentlichkeit durch gute Artikel und bilden einen Sammel- und Austauschpunkt durch die Möglichkeit des Kommentierens und des Verlinkens eigener Artikel. Zum Glück gibt es nicht den einen einzigen A-Blogger, sondern es gibt eine Reihe davon. Die andere Art der Meinungskonzentration wird hergestellt durch Aggregatoren wie Rivva oder ähnliche. Hier handelt es sich um eine rein mechanische Konzentration. Diesem mechanischen Vorgang gehen zwar menschliche Eigenschaften wie Ziele, Wünsche und Vorstellungen völlig ab, dafür sind die Maschinen zumindest aber auch immun gegen Korruption durch Macht. Allerdings stehen hinter den Maschinen auch wieder Menschen. Google hat in einem gewissen Bereich hier bereits eine fast-Monopolstellung erlangt, die bestimmt irgendwann von machtgierigen Menschen ausgenutzt wird.

Alles in Allem bin ich also eher gegen einen Internetpräsidenten.


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