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Medienwandel

Thu, 30 Jul 2009 15:57:51 +0200

Venus von Milo

Andreas Göldi schreibt da einen sehr interessanten Artikel, in dem er die Thesen des Medienforschers in die heutige Zeit fortschreibt. Auch, wenn ich eine von McLuhans Kernthesen (Das Medium ist die Botschaft) so in dieser Form für nicht wirklich zutreffend, weil viel zu drastisch verkürzt, halte, so sind doch die Gedanken und Thesen zumindest sehr interessant. Der Artikel ist sehr lesenswert.

Im Wesentlichen geht es in dem Artikel um einen Erklärungsversuch, warum heute Niemand mehr bereit ist, für Internet-Inhalte zu bezahlen. Die Gründe dafür sind einleuchtend, erlauben aber leider keine Idee von einer Alternative, wie man im Internet denn doch zu Geld kommen sollte. Und so ist denn leider auch die Schlussfolgerung und Aufforderung an die Medienkonzerne, mehr Kreativität im Umgang mit den neuen Medien zu üben, eine Platitüde. Es gibt leider keine verwertbaren Hinweise, wie man konkret vorgehen sollte, um von den über das Internet generierten Einnahmen leben zu können.

Beim Lesen des Artikels ist mir so ein Gedanke gekommen, der vielleicht ein Ansatzpunkt werden könnte. Angenommen, ich hätte die Wahl zwischen einem Musikstück als MP3, kostenlos aus dem Internet zu beziehen, und dem gleichen Stück in einer anderen Form, aber nicht kostenlos: Was würde mich dazu bringen, die nicht kostenlose Variante zu bevorzugen? Nachdem ich diese Frage einige Zeit durchdacht habe, habe ich tatsächlich so Etwas gefunden. Zunächst würde ich mir tatsächlich das Umsonst-MP3 laden und mir den Song anhören. Schließlich kauft man nicht gerne die Katze im Sack. Früher ist man zu dem gleichen Zweck in den Plattenladen gegangen und hat sich die Platte (oder auch CD) dort angehört. So gesehen macht das eigentlich keinen großen Unterschied. Doch was würde mich dazu bewegen, falls mir das Stück gefällt, dieses tatsächlich auch noch zusätzlich auf einem nicht kostenlosen Datenträger zu erwerben? Nun, im Wesentlichen zwei Dinge: Qualität und Eigentum.

Qualität ist natürlich subjektiv. Objektiv ist die reine Klangqualität eines MP3 kaum schlechter als die einer CD. Das kann es also nicht sein. Aber andere Dinge lassen ein Gefühl von Qualität aufkommen: Allein schon, dass man das Stück sozusagen physisch in Händen hält, macht die Qualität (und das Eigentum) greifbar. Das ist wie im Supermarkt, wo man die Auslagen immer in die Hand nehmen muss, auch, wenn man sie im Regal prima betrachten kann. Anfassen gehört einfach dazu. Wenn dann noch die Verpackung stimmt (mit gutem Cover z.B.), und wenn der eigentliche Datenträger hochwertig (z.B. lange haltbar) ist, dann hält man ein Qualitätsprodukt in der Hand. Das ist schon was Anderes als das flüchtige Nichts, das man aus dem Internet bekommt.

Eigentum ist ein anderer Aspekt. EBay hat es in seinen Werbeslogans vorgemacht: Drei, zwei, eins, meins. Hier kommt der Jäger und Sammler zum Vorschein. So eine CD, die man zu Hause repräsentativ ins Regal stellen kann, und das allen zeigt, das hier ist Meines, das macht was her. Das kann man zeigen, im Gegensatz zu irgendwelchen mehr oder weniger anonymen Dateien. Allerdings ruiniert die Politik der Medienkonzerne dieses, denn mit einer CD erwerben wir nach Meinung der Medienkonzerne kein Eigentum, sondern nur ein stark eingeschränktes Nutzungsrecht. Durch Kopierschutz wird dieses nicht-Eigentum noch mal verdeutlicht. Und das Verbot, diese CD auch zu nicht-komerziellen Zwecken einer kleinen Öffentlichkeit vorzuführen, unterstreicht dieses nicht-Eigentum noch mal. Heutzutage muss man beinahe schon dann ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn man eine CD legal kauft. Denn man könnte sie ja kopieren. Besonders bei DVDs nervt der diesbezügliche Vorspann fürchterlich.

Doch wenn ich für viel Geld kein Eigentum erwerbe, sondern nur ein stark eingeschränktes Nutzungsrecht, und dann auch noch misstrauisch überwacht werde, ob ich diese Beschränkungen nicht vielleicht doch umgehe, dann macht das Kaufen einer CD oder DVD keinen Spaß mehr. Den reinen Inhalt und das gleiche Nutzungsrecht bekomme ich auch für lau aus dem Internet. Physisch greifbares echtes Eigentum nicht.

Ein Stück Popmusik, das ich mir aus dem Internet ziehe, hat ungefähr den gefühlten Wert eines Kaugummis aus dem Automaten. Man steckt ein paar Cent rein, kaut eine Weile auf dem Ergebnis herum, und dann weg damit. Warum sollte man dafür mehr ausgeben als ein paar Cent? Bleibende Werte hingegen sind was Anderes.

Ein bleibender Wert benötigt auch ein entsprechendes Drumherum. Nehmen wir als Beispiel man die . Eine Aphroditestatue aus dem antiken Griechenland. Mit Sicherheit ein bleibender Wert. Sie ist sogar so teuer, dass kaum Jemand sie kaufen könnte. Doch abgesehen von ihrem Wert an sich, und dem Wert, den ihr die Geschichte gibt, was macht so eine Statue noch wertvoll? Nehmen wir einmal an, diese Statue wäre verdreckt und würde zwischen jeder Menge Ramsch in einem Hinterhof rumliegen. Dann ist diese Statue nur noch kaputt (es fehlen die Arme) und kaum noch was wert. Wer nun Musik anbietet wie Ramsch auf dem Hinterhof, muss sich nicht wundern, wenn der Wert entsprechend eingeschätzt wird. Um den Wert zu präsentieren und zu unterstreichen, gehört Ambiente dazu. Und um den Besitz begehrenswert zu machen, muss am Ende auch echtes Eigentum bei rauskommen.


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