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Schulmeister

Tue, 16 Feb 2010 14:07:05 +0100

Der Schulmeister-Artikel zur Kommentarkultur in Blogs macht die Runde in der Blogosphere. Erstaunlich, dass ein nicht-Blogger so eine Resonanz verursacht.

Speziell Herr Larbig schreibt dazu ein paar Dinge, die mir voll und ganz aus dem Herzen gesprochen resp. geschrieben sind. Zunächst ein Zitat, auf das sich Schulmeister in seinem Artikel bezieht:

Blogs sind in der Breite, in der sie genutzt werden, eine interessante Innovation – aber sie sind in der Regel nicht besonders nachhaltig. Sie reproduzieren etwas, was man sowieso in der Massenkommunikation vorfindet – eine eher monologische Form des Ausdrucks. So entsteht in den Blogs meist kein ‚Thread‘, es erfolgt dort in der Regel keine Erarbeitung und Weiterentwicklung von Themen und Inhalten. Die persönliche Äußerung steht stark im Vordergrund statt des Aufbaus eines konsistenten und verzweigten Diskussionsfadens. Blogs sind sehr egomane Veranstaltungen, Ich-AG’s – auf die Beiträge von ande- ren wird nicht besonders geachtet.

Ah ja. Wie man hier anhand der Linkliste unter dem Artikel erkennen kann, gibt es reichhaltig Blogbeiträge mit oder ohne Kommentare zu seinem Artikel. Was ist das Anderes als Threads im Sinne einer Weiterentwicklung von Themen und Inhalten? Sicher, die Diskussion ist verteilt. Sie ist nicht in einem einzelnen Blog zusammengefasst. Na und? Was sollte daran schlecht sein? Herr Larbig bringt es auf den Punkt:

Digitale Netzwerke dienen im Rahmen wissenschaftlicher Tätigkeit nicht primär der nachhaltigen Präsentation von Wissensbeständen. Sie zielen nicht auf abschließende Darstellungen von Forschungsergebnisse. Sie sind eher Instrumente öffentlicher Denkprozesse (vgl. z. B. das Blog des Eichstätters Prof. em. Dr. Jean-Pol Martin), die ein bestehendes Netzwerk nutzen, um den Denkprozess selbst bereits in einen Evaluationsprozess einzuspeisen. Und zumindest bei Jean-Pol Martin lässt sich beobachten, wie Kommentare und auch Blogbeiträge, die sich auf seine Beiträge beziehen, sehr unmittelbar in den Denkprozess einfließen, diesen sogar verändern können, wenn sie dem Wissenschaftler Martin nachvollziehbar sind.

Also noch mal kurz: Blogs dienen weniger der Rekapitulation von Fakten (obwohl, solche Blogs gibt es natürlich auch), sondern sind eher Abbild und Werkzeug eines Denkprozesses. Blogs sind viel wichtiger als reine Faktenschleudern. Blogs dienen der Meinungsbildung. Seit es Blogs gibt, ist man beispielsweise in der politischen Meinungs- und Willensbildung nicht mehr auf den Konsum von durch Parteien oder Großverlage produzierten Produkten angewiesen. Die Meinungsbildung fängt heute nach dem Konsum der Fakten erst an, durch viele Blogbeiträge und viele Kommentare. Und gerade die Tatsache, dass sich diese Meinungsbildung nicht auf ein Blog alleine beschränkt macht die Blogs als Ganzes so wertvoll. Hier kommen ganz natürlich auch unterschiedliche Meinungen und Ansichten zu Wort. Und das ist gut so!

Michael Kerres schreibt dazu:

Gesellschaftlicher Diskurs entsteht ja nicht in einem Medium, sondern im Zusammenspiel aller medialen Artikulationswege (Zeitungen nehmen Bezug auf Fernsehbeiträge, diese auf Radiointerviews etc.).

Dieses Statement möchte ich ergänzen: Diskurs entsteht auch nicht in nur einem Blog, sondern im Zusammenspiel vieler verschiedener Blogs. Joachim Wedekind schreibt ähnlich:

Insofern ergibt sich meine persönliche “Kommunikationskultur” nicht aus den Versatzstücken (schon gar nicht nur aus den Kommentaren, die ich erhalte oder gebe), sondern aus der Summer meiner Webpräsenzen.

Wobei das allerdings nur einen Aspekt abdeckt, der auch wichtig ist (die Diversifikation über viele Medien und viele einzelne Äusserungen), aber der Aspekt, dass Blogs eher Denkprozesse als in Marmor gemeisselte Fakten sind, ist mir persönlich noch wichtiger.

Einen weiteren interessanten Aspekt nennt Jochen Robes, indem er schreibt:

Wenn man die drei Aspekte von Weblogs heranzieht, Identitätsmanagement, Beziehungsmanagement und Informationsmanagement, die Schmidt, Frees und Fisch (2009) unterscheiden, so kann man möglicherweise sagen, dass journalistische, politische und Corporate Weblogs eher dem Informationsmanagement verpflichtet sind und weniger Anlass zu Identitätsmanagement oder Beziehungsmanagement verspüren, während in den kleinen Netzwerken mit den „strong ties”, wie dem hier untersuchten EduBlogger-Netz eher das Identitäts- und das Beziehungsmanagement dominieren.

Zum Identitätsmanagement gehört auch die ständige und kontinuierliche Entwicklung einer eigenen Meinung zur Welt, in der ich lebe. Ausserdem hängt Identität sehr mit Beziehung zusammen. Menschen sind Wesen, die die Gemeinschaft brauchen, sich über sie definieren und umgekehrt auch die Gemeinschaft prägen. Eine Identität ohne Gemeinschaft dürfte zumindest für Menschen ziemlich unmöglich sein. Ohne Information wiederum ist Beides nicht möglich. Diese drei Facetten gehören also untrennbar zusammen. Aber natürlich findet man in Blogs unterschiedliche Prioritäten dieser drei Aspekte. Eine künstliche Reduktion von Blogs auf das reine Informationsmanagement wird weder dem Medium noch den Bloggern gerecht. Das greift sehr viel zu kurz.

Die sonstigen Artikel möge man sich anhand der Linkliste unten selber durchlesen. Die jeweiligen individuellen Aspekte, die alle ihre Bedeutung haben, werden dort sehr ausführlich dargestellt. Das muss ich hier nicht noch mal breit treten. Kurz zusammengefasst sind Blogs meiner Meinung nach sowohl Mittel als auch Spiegel eines Denkprozesses, der sowohl zum Informationsmanagement als auch zum Identitätsmanagement als auch zum Beziehungsmanagement notwendig ist. Und kein lexikon.


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