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Facebook-Alternative

Tue, 31 May 2011 12:26:45 +0200

Bei Basic Thinking wird mal wieder über die "saubere" Facebook Alternative Altly diskutiert. Dabei hat Jürgen Vielmeier eine interessante Idee: Soziales Netzwerk via e-Mail. Die Idee ist prinzipiell nicht schlecht, aber meiner Meinung nach noch etwas unausgegoren.

Also, mal sehen, was denn die eigentlichen Kernkomponenten von Facebook sind. So weit ich das sehe, sind das zwei:

  1. Eine Art Datenbank mit Kontaktadressen. Also im Prinzip so ähnlich wie das Adressbuch im Mail Client. Mit Namen, Bild und möglicherweise weiteren Daten. Diese Komponente ist der Teil, der aus Datenschutzgründen kritisch ist.
  2. Eine Kommunikationskomponente. Man kann seinen Kontakten mal eben schnell eine Nachricht zukommen lassen. Eine durchaus nützliche Funktion.

Fangen wir mal bei den Kontaktdaten an. Warum müssen diese unbedingt bei einem zentralen (kommerziell orientierten) Provider liegen? Jeder, der eine Webseite hat, kann solche Kontaktdaten eben dort lagern. Natürlich müssten diese Kontaktdaten maschinell lesbar sein, um in einem sozialen Netz Sinn zu machen. Aber dafür gibt es Standards. Die einfachste Form der maschinell verwertbaren eigenen Kontaktdaten stellt das Microformats Format dar (siehe auch Wikipedia). Jeder, der seine eigenen Kontaktdaten auf seiner eigenen Webseite in eben diesem Format zur Verfügung stellt, kann an einem solchen sozialen Netz teilnehmen.

Was noch fehlt, ist die Vernetzung dieser Kontaktdaten. Aber auch dafür gibt es bereits Standards. So gibt es z.B. ebenfalls bei den Microformats den XFN Standard. Nach diesem Standard kann man Links auf "Freunde" auf der Webseite setzen. Hier reichen im Grunde ein paar direkte Freunde aus. Wenn diese nun unter eben diesem Link selber ihre eigenen Kontaktdaten nach hCard Standard veröffentlichen und selber wieder nach XFN Standard auf Freunde verlinken, ist das Netz als solches bereits perfekt. Ganz und gar selbstorganisiert und ohne zentralen Provider. Und hier ist wirklich Jeder der Eigentümer seiner eigenen Daten. Optional könnte ein zentraler Provider als eine Art Verzeichnis für solche Kontaktdaten fungieren.

Der zweite Punkt, die Kommunikation, ist nicht ganz so einfach zu realisieren. Als Standardmedium empfiehlt sich hier tatsächlich die e-Mail. Die zugehörige e-Mail Adresse ließe sich maschinell (also durch ein Programm) aus den hCard Kontaktdaten extrahieren. Eine schicke und praktische Weboberfläche, und die Nachricht ist ruck-zuck erstellt und versendet. Aber es ginge auch ohne solch eine Webseite, die womöglich bei einem zentralen Provider läge. Einfach ganz normal e-Mail schreiben, und absenden. Fertig. Ohne schickes Webinterface kann das ganz ohne Provider komplett auf dem eigenen Rechner stattfinden. Mit Webinterface nur, wenn man auf dem eigenen Rechner einen Webserver am laufen hat. Unter Linux ist das Standard, da das Hilfesystem darauf basiert. Nur noch PHP dazu, und ein passendes Script, und schon sollte es gehen. Wenn jetzt ein optionaler zentraler Provider diesen Dienst zusätzlich anbietet, wäre dagegen Nichts zu sagen.

Aber auch andere Kommunikationswege sind denkbar. Die Informationen dazu können ebenfalls in dem hCard Datensatz vorhanden sein. Das heisst, ein Programm, das Zugriff auf diese Kontaktdaten hat, kann die beste Kommunikationsmöglichkeit selbst wählen. Der eine Kontakt kann die Information via e-Mail bekommen, der Andere über Jabber, der Nächste über wieder etwas Anderes.

Einen etwas anderen Ansatz bietet das (Friend of a Friend) Projekt. Hier handelt es sich um eine RDF (XML) Datei, die einerseits die Kontaktdaten enthält, andererseits auch die Links zu den "Freunden". Nun ist XML im Web (leider) nicht sehr verbreitet. Aber es ist kein Problem, beide Ansätze miteinander zu verbinden: In der Webseite, die die Adressdaten nach hCard enthält, kann auch ein Link auf das FOAF Profil enthalten sein. Und schon kann ein Programm die Version wählen, die diesem Programm am genehmsten ist. Verschiedene Programme können hier verschiedene Strategien anwenden, das Resultat sollte immer das Gleiche sein. Wie man diesen Link setzt, kann man in der FOAF Spezifikation lesen. Es ist ganz einfach.

Auf die gleiche Art kann man auf z.B. der Startseite auch einen Link einbauen zu der Seite mit den hCard Kontaktdaten. Dazu bringt man einfach einen link rel="dc:creator" href="…" / unter, der die URL der Seite mit den Kontaktdaten enthält. Kann man z.B. so machen, wenn man, wie ich, in Blogs nicht die URL mit den Kontaktdaten angibt, sondern die Startseite.

Die Standards zum Aufbau sozialer Netze sind also seit Langem vollständig vorhanden und kommen mit Standardtechniken aus. Zur eigentlichen Bildung des sozialen Netzes wäre kein zentraler Provider notwendig. Diese sind optional nützlich, um Zusatzdienste wie z.B. Verzeichnisse anzubieten. Mehr muss nicht sein.


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