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Inter-Borg

Sun, 02 Oct 2011 11:06:09 +0200

Hach, der "romantische Essay" von Martin Öttinger hat was. He's telling my life with his song. Jedenfalls teilweise. Ich bin nicht in allen Dingen so spät dran gewesen wie er. Aber deutlich später als etliche Andere. Das Internet habe ich zunächst auch verschlafen. Zur Zeit der Akustikkoppler hatte ich eher auf das FidoNet gesetzt. Das Internet kam bei mir etwas später.

Was mich am Internet wirklich überzeugt hatte, war die grundsätzliche Konzeption. Das Internet ist in seiner Grundform zur Zeit des kalten Krieges vom US Verteidigungsministerium weiter entwickelt worden. Der erste Anfang war einfach nur eine Kommunikationsmöglichkeit zwischen ein paar Universitäten. Im Zuge der militärischen Weiterentwicklung kam ein sehr interessanter und wichtiger Gedanken hinzu: Das Netz sollte vollkommen dezentral sein, so dass es auch einen Atomschlag, und damit verbunden den Ausfall einiger Kommunikationsknoten, funktionstüchtig überstehen konnte. Das IP-Protokoll ist so ausgelegt, dass, wenn ein Weg von A nach B nicht mehr existiert oder nicht mehr funktioniert, eben ein anderer Weg gesucht und gefunden wird. Geht es so nicht, geht es anders, und irgendwie geht es immer.

Diese Idee war damals natürlich der grassierenden Angst vor den bösen atomwaffenbesitzenden Russen geschuldet. Aber davon ganz abgesehen ist diese Dezentralität brilliant. Zum Teil ist diese Idee der Natur abgeschaut: Wenn in einem Lebewesen mal ein paar Zellen ausfallen, juckt das dieses Lebewesen kaum. Die defekten Zellen werden entfernt und durch neue ersetzt, und währenddessen übernehmen andere Zellen die Aufgaben. Das läuft praktisch verlustfrei. Das Ergebnis ist ein robuster Gesamtorganismus, der kaum ernsthaft zu stören ist.

Aber neben der Betriebssicherheit hat das eben noch einen weiteren sehr schönen Aspekt: Jede der im Netz verbundenen Zellen ist weitgehend autark. Damit können sich viele verschiedenartige Zellen entwickeln. Individualität und Vielfalt ist möglich. Nicht so, wie in den zentral regierten kommunistischen Ländern, die durch die Unterdrückung der Vielfalt in der Entwicklung stehen geblieben sind und letztendlich kaputt regiert wurden. Das Internet war von vornherein auf Vielfalt und Wettbewerb angelegt. Und das hat in der Tat bis heute zu einer immensen Vielfalt geführt.

Mit dem Aufkommen des Web erfuhr das Internet dann einen gewaltigen Schub, indem es von Jedermann, auch von technischen Laien, genutzt werden konnte. Ermöglicht wurde die Entwicklung und Einführung des Web eben durch die Vielfalt, die inhärenter Bestandteil des Internets ist. Auch das Web war übrigens zunächst nur als wissenschaftliches Kommunikations- und Dokumentationswerkzeug gedacht, wurde dann aber schnell von ganz normalen Bürgern entdeckt.

Dann wurde das Web auch von Anderen entdeckt. Nach und nach stellte man fest, dass man damit auch gut kommerzielle Interessen verbinden konnte. Und genau wie Geld die Tendenz hat, sich an wenigen Orten zu konzentrieren, so begann auch im kommerziell orientierten Internet ein Konzentrationsprozess.

Der erste "große Erfolg" in diesem Konzentrationsprozess war wohl Google. Die Suchmaschine verdrängte alles Andere, was an vergleichbaren Diensten existierte. Google hat heute keine ernsthafte Konkurrenz mehr. Das eigentlich dezentrale Internet war mit einem Mal zumindest in diesem Punkt absolut zentralisiert und zentralistisch. Das hat zum Beispiel den Effekt, dass sich eine chinesische Regierung nur an ein Unternehmen wenden muss, um die Informationsfreiheit der Bürger effektiv einzuschränken.

Mit der Erfindung der Blogs gab es wieder eine Revolution. Blogs waren, ganz im ursprünglichen Sinn des Internet, dezentral und nicht von nur einer Person verwaltbar. Vielfalt war angesagt. Die Revolution bestand darin, dass nun jedes "kloine Handwerkerle" zum Publizisten werden konnte. Wir hatten mit einem Mal nicht mehr nur die Freiheit der Informationsauswahl, wir hatten die Freiheit der Publikation. Basisdemokratisch und dezentral.

Und dann kam Twitter. Mit einem Mal lag die Freiheit der Publikation Vieler wieder bei einem Unternehmen. Klar, das Unternehmen erlaubt es (noch?) Jedem, zu publizieren, was er/sie will. Der Haken daran ist, dass es dieser Erlaubnis bedarf. Ob, unter welchen Umständen oder wie lange diese Erlaubnis besteht, hängt von den kommerziellen Interessen eines Unternehmens ab. Aus diesem Grund hatte ich nie einen Twitter Account, und habe stattdessen, trotz aller technischer Beschränkungen, an meinem eigenen kleinen Blog festgehalten.

Und dann haben wir da noch Facebook. Diese Kontaktbörse geht noch sehr viel weiter. Das ganze Leben aller Nutzer, jeder verquere Furz, wird zum geistigen Eigentum einer kommerziell orientierten Firma. So zentral war die Welt noch nie in ihrer Geschichte organisiert. Orwells Überwachungsstaat ist Realität geworden. Es gibt keine kleinen Geheimnisse mehr. Alles, das ganze Leben, jeder Gedanke, liegt der "Öffentlichkeit" vor. Damit entsteht ein Druck, ein Zwang zur Anpassung. Und was nicht passt, wird durch massives Mobbing passend gemacht. Von Facebook können wir vermutlich die von Manchen lang ersehnte Gleichschaltung der Menschheit erwarten. Jeder wird durch Gruppenzwang zu einer Moral und einer Weltanschauung gedrängt, die von der Mehrheit der Nutzer eines US-Amerikanischen, kommerziellen Unternehmens diktiert wird.

Aus diesen Überlegungen heraus hatte ich nie einen Facebook-Account. Also kann ich an dem propagierten Exodus nicht mitmachen. Brauche ich ja auch nicht. Doch Jeder, der sich mit diesem Gedanken jetzt trägt, muss sich überlegen, Wie er sein Leben aus Facebook wieder heraus bekommt, und wenn, unter welcher Lizenz.

Natürlich hat das persönliche Konsequenzen. Ich habe keinen "Like" Button und kann mir keine Fangemeinde aufbauen. Zur Zeit noch nicht mal eine Community durch die Möglichkeit der Kommentierung. Letzteres wird sich Ende des Jahres langsam ändern. Im Großen und Ganzen läuft es darauf hinaus, dass ich keine weltweite Bestätigung durch "Followers", "Freunde" oder Dergleichen bekomme. Darauf zu verzichten fällt naturgemäß nicht ganz leicht. Klar wäre ich auch gerne von Allen geliebt und bewundert. Wer wäre das nicht? Aber zugunsten meiner persönlichen Freiheit verzichte ich lieber darauf, in dem all zu schnellebigen Internet der neue "Star" zu sein. Zum Glück habe ich auch ganz ohne Internet ein paar wenige Freunde. Die dafür verlässlich und beständig. Auch bei Stromausfall.


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