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Kirche

Fri, 30 Sep 2011 10:52:57 +0200

Wir bekommen hier regelmäßig so ein kleines Werbeblättchen, nennt sich "Anzeigenblatt Gersprenztal". Neben viel Werbung (dem eigentlichen Zweck dieses Blättchens) gibt's auch immer einen kleinen Artikel, i.d.R. über lokale Ereignisse. Diesmal über den Erntedankgottesdienst in Fränkisch-Crumbach.

Ich musste etwas lachen, als ich die Erklärungsversuche des Autors las, warum dieses Ereignis derartig gut besucht war:

Was ist nur los in unserer Gesellschaft? Überall und allerorten steht geschrieben oder wird gesprochen, dass die Christen von ihren Kirchen abfallen. Es scheint wohl doch eine tiefe Sehnsucht nach christlicher Gemeinschaft zu geben, ansonsten wären solche Ereignisse wie die Messe von Papst Benedikt in Berlin mit über 70000 Gläubigen oder der Erntedankgottesdienst einer kleinen Gemeinde im Odenwald mit rund 500 Gottesdienstbesuchern nicht möglich. Der Mensch hierzulande hat neben Vernunft und Ratio ein Bedürfnis nach einer Wertegemeinschaft […]

Soso, neben Vernunft und Ratio. Interessante Sichtweise. Doch Eines nach dem Anderen. Man kann Kirche durchaus als eine Art folkloristischer Verein auffassen, ganz ähnlich wie einen Schützenverein oder einen Trachtenverein oder Ähnliches. Und Kirche ist in der Tat oft genug nichts Anderes. In diesem Fall hat der Autor dieser Zeilen völlig Recht, und dagegen ist auch zunächst mal gar Nichts einzuwenden. Ich habe weder Etwas gegen Vereine noch gegen Folklore. Das hat seine Berechtigung im Leben der Menschen.

Die Behauptung, dass solche Veranstaltungen neben der Vernunft, also folglich ohne Vernunft, ohne vernünftigen, rationellen Grund, stattfinden, ist ja nun mal einfach eben dieses: Eine Behauptung. Unbewiesen. Diese Behauptung leitet sich von der ebenfalls unbewiesenen Behauptung her, dass kein Gott existiert. Was aber, wenn ich diese Behauptung anzweifle, und einfach mal vom Gegenteil ausgehe? Dann hat die Kirche als christliche Gemeinschaft plötzlich einen ganz vernünftigen, rationellen Grund. Dann ist es plötzlich ganz und gar vernünftig, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Das hat dann kaum noch Etwas mit tiefer Sehnsucht nach christlicher Gemeinschaft zu tun, sondern wird schlicht von der Vernunft diktiert.

Zwar kann die Existenz Gottes nicht bewiesen werden, aber auch seine Nicht-Existenz kann nicht bewiesen werden. Die Evolutionstheorie beweist gar Nichts, nicht einmal sich selber. Wenn wir nach Beweisen suchen, werden wir also schlicht keine finden. Die Frage, ob Gott existiert, kann aber nicht einfach ignoriert werden. Ein Ignorieren dieser Frage ist gleichbedeutend mit der Annahme, dass Gott nicht existiert. Ein "Egal" gibt es also logischerweise nicht. Aufgrund des Fehlens von Beweisen ist es also ausschließlich eine Frage der persönlichen Entscheidung, welche der beiden Möglichkeiten man für wahr hält. Aufgrund des Fehlens von Beweisen ist das eine Frage von Glaubwürdigkeit. Halte ich einen Apostel Dingsbums für glaubwürdig, der behauptet, Jesus Christus wäre von den Toten auferstanden, oder halte ich die französischen Aufklärer für glaubwürdig, die z.B. behauptet haben, Tiere hätten keine Seele, wären nur biologische Maschinen, und das Quieken eines Schweins bei der Schlachtung sei nichts Anderes als das Quietschen eines rostigen Rades? Beweisen ist weder das Eine noch das Andere. Wem also vertraue ich? Wem glaube ich? Wer ist für mich glaubwürdig? Mangels Beweis ist das Alles, was zählt.

Wenn man nun, aus welchen Gründen auch immer, die Apostel für glaubwürdiger hält als die Philosophen, dann wird aus christlicher Gemeinschaft mal eben etwas ganz und gar Rationales, etwas Notwendiges und etwas Selbstverständliches. Da entsteht eine Gemeinschaft ganz von selbst. Eine Gemeinschaft, die sich durch alle Kirchen hindurch zieht. Eine Gemeinschaft, die ausschließlich von Christus selbst angeführt wird, und nicht von einem "Stellvertreter", und nicht von einem Fernsehprediger. Eine Gemeinschaft, die sich ihre Werte weder von Philosophen noch von staatlichen Lehren vorschreiben lässt. Eine Gemeinschaft von Menschen, die sich das Zentrum ihres Lebens, Christus, selbst und aus eigener, freier und vernünftiger Entscheidung ausgewählt haben.

[…] ein Bedürfnis nach einer Wertegemeinschaft, die sich aus der christlichen Lehre speist, ein Bedürfnis nach Seelsorge, Solidarität und Nächstenliebe, egal, ob Katholiken oder Protestanten. Deshalb sollte sich der Papst nicht der Ökumene versperren […]

Wenn man die Kirche(n) als volkstümliche Vereine betrachtet, dann stimmt das so. Schützenverein A ist nicht besser als Schützenverein B, nur, weil Schützenverein A die bunteren Uniformen hat. Das ist im Grunde die Hinduistische Sichtweise. Für die Hindus ist es überhaupt kein Problem, zu ihren vielen Göttern auch noch einen Christus und einen Mohammed und vielleicht auch einen Benedikt hinzuzufügen. Das macht gar Nichts, ist doch Alles die selbe Sauce. Annäherung durch Entfernung des Kerns. Auch eine Methode.

Aber wenn man Christus ernst nimmt, dann hat Ökumene einen ganz anderen Grund. Dann ist Christus als Person sowohl der Grund für die (ökumenische) Gemeinschaft, als auch deren einzig legitimer Vorstand. Das ist eine Ökumene, die funktioniert, ganz egal, was der Papst davon hält. Seine Erlaubnis wird dazu nicht benötigt. Er kann sich dieser Gemeinschaft anschließen oder ihr fernbleiben, genau so wie jeder Andere auch. Tradition, Kultur, organisatorische Strukturen, all das spielt hier überhaupt keine Rolle.

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich.

Mit Ich meint er sich tatsächlich höchstpersönlich selber. Nicht ein Gremium von alten Männern, die die Lehre festlegen, nicht einen Stellvertreter, nicht einen Fernsehstar. Er meint sich ganz persönlich selber. Das macht den Unterschied.


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