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Zero Friends

Sun, 29 May 2011 09:37:03 +0200

I have zero friends. Sozusagen Friends Ultralight. Jedenfalls, so weit es nach Facebook geht: Ich bin dort noch immer nicht Mitglied und habe es auch immer noch nicht vor. Und das nicht nur, weil Facebook etwas merkwürdig mit den privaten Daten umgeht. Auch einfach deshalb, weil ich einer derartigen Konzentration von Macht grundsätzlich misstrauisch gegenüber stehe. Facebook ist heute der am meisten genutzte Internet-Dienst. Die Mehrheit der Menschheit ist dort Mitglied. Und wie in der von Altly verlinkten Southpark-Glosse so schön kolportiert: Der Druck steigt, dort mit zu machen. Das ist noch nicht einmal die Firma Facebook, die diesen Druck ausübt. Das sind alle unsere (Möchtegern-) Freunde, die dort schon Mitglied sind und uns drängen, diesen Schritt auch zu tun.

Gut, bei mir ist dieser Druck relativ gering. Ich höre zwar gelegentlich auch mal so Etwas wie: Wie? Du hast keinen Facebook Account? Also, man kann es mit der Paranoia aber auch echt übertreiben. Ohne Facebook geht doch heute gar Nichts mehr. Ganz ähnlich wie schon seit Jahren: Wer surft denn heute noch ohne Javascript? Ich! Wie jetzt, echt? Ohne Javascript kann man das Internet doch gar nicht nutzen. Das geht doch gar nicht. Aber im Großen und Ganzen wird das eher lax gesehen, und ich habe noch keinen einzigen "real world" Freund verloren, nur, weil ich nicht bei Facebook bin. Aber bei den Kindern und Jugendlichen dürfte das anders sein. Kinder und Jugendliche sind nicht nur leichter beeinflussbar, sie stehen auch mehr unter Druck, "in" sein zu müssen (in sein wollen zu müssen).

Alternativen zu Facebook sind gescheitert. Man denke z.B. an StudiVZ und dessen Derivate. Die Masse macht's. Und die Masse ist eben bei Facebook und nicht bei StudiVZ. Doch jetzt kommt Einer, der will Alles besser machen. Genau das Gleiche wie Facebook, aber ganz anders. Naja, jedenfalls soll dort wohl sehr viel mehr auf Privatsphäre und Datenschutz geachtet werden. Immerhin, wie Jürgen Vielmeier schreibt, Jemand mit Erfahrung und Geld: Ex-MySpace-Manager Dmitry Shapiro. Rein kommerziell gesehen besteht also die Möglichkeit, dass es eine Alternative zu Facebook wird. Aber ob Das das Problem wirklich löst? Gewiss, Konkurrenz belebt das Geschäft und fördert die Vielfalt. Aber das eigentliche Kernproblem, die Konzentration unserer Kultur in wenigen kommerziellen Firmen, bleibt.

Dabei geht es auch anders. Blogs zeigen einen Weg, wie es prinzipiell gehen könnte: Man verlinkt sich gegenseitig. Dadurch wird man nicht gleich zum Friend, aber es entsteht dennoch ein soziales Netz. Das Gleiche ist natürlich auch mit anderen Webseiten denkbar. Diese Art der Bildung eines sozialen Netzes benötigt keinerlei zentrale Kontrollinstanz, keinen großen Vorsitzenden, der über Wohl und Wehe der Menschheit entscheidet. Natürlich hätte eine solche vollkommen dezentrale Organisation den Nachteil, dass sie nicht so leicht staatlich oder kommerziell zu kontrollieren wäre. Eine solche dezentrale Organisation dürfte daher weder im Interesse des Staates noch der Wirtschaft sein. Aber eine solche dezentrale Organisation ist in meinem Interesse.

Nun ja, ich werde wohl Nichts dagegen tun können. Ich sehe zu, wie die Welt verkauft wird, und kann allenfalls ein Bisschen hier in meinem noch nicht verkauften Blog darüber jammern. Naja, was soll's: Ich muss die Welt nicht retten.

Sollte Altly tatsächlich zu einer ernsthaften Konkurrenz zu Facebook werden, wäre das durchaus gut. Ein bisschen mehr Möglichkeit zu wählen, ein bisschen mehr Vielfalt, und vielleicht sogar ein bisschen mehr Datenschutz. Aber die wirkliche Freiheit, die man nur dadurch erreicht, dass man die Verantwortung für sein soziales Netz in die eigenen Hände nimmt, erreicht man dadurch nicht.


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